Die Diskussion um die Einführung eines zentralen Kapazitätsmarktes für Back-up-Strom in Deutschland gewinnt zunehmend an Bedeutung. Laut einem aktuellen Interview mit Katherina Reiche, der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, wird die Verzögerung bei der Festlegung eines solchen Marktes in Baden-Württemberg kritisiert. Thekla Walker bezeichnete Reiche in diesem Zusammenhang als „Prokrastinations-Ministerin“ und macht damit auf die Dringlichkeit aufmerksam, mit der die politischen Entscheidungen getroffen werden müssen. Ein zentraler Kapazitätsmarkt wird als zeitkritisch angesehen, um sowohl den Kohleausstieg bis 2031 zu bewältigen als auch die Betriebssicherheit in den 2030er Jahren zu gewährleisten. Es wird ein dringender Bedarf an flexibler Leistung von mindestens 15 Gigawatt prognostiziert.
Der Vorschlag, sich am belgischen Kapazitätsmarkt zu orientieren, ist dabei besonders hervorzuheben. Dieser Ansatz wurde 2021 von der EU-Kommission genehmigt und gilt als Modell für einen zuverlässigen und kosteneffizienten Mechanismus zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit. Das belgische System hat sich in der Praxis bewährt, im Gegensatz zu dezentralen Modellen, die als weniger effizient erachtet werden. Ein solcher zentraler Kapazitätsmarkt könnte dazu beitragen, die Investitionsanreize zu verbessern, die zur Deckung der zukünftigen Energiebedarfe erforderlich sind.
Notwendige Anpassungen im Energiesystem
Die Integration alternativer Energiequellen wie Wind- und Sonnenenergie ist grundlegend für die zukünftige klimaneutrale Stromversorgung. Allerdings erfordert die wetterabhängige Stromproduktion verlässliche und flexible Kapazitäten. Katherina Reiche betonte die Notwendigkeit einer umfassenden Kraftwerksstrategie, die auch Wasserstoffinfrastruktur einbezieht, um die Systemflexibilität zu sichern und die Erreichung der Klimaziele voranzutreiben.
Der Ausbau erneuerbarer Energien und die Schaffung steuerbarer Kapazitäten stehen im Mittelpunkt der politischen Agenda. Auch der Monitoringbericht des Bundeswirtschaftsministeriums kürzlich aufgelegte Monitoringbericht zur Energiewende macht auf die Wichtigkeit dieser Aspekte aufmerksam. Bis 2030 wird ein Anstieg des Bruttostromverbrauchs auf etwa 600 bis 700 Terawattstunden prognostiziert, was ein signifikantes Wachstum der gesamten Energieinfrastruktur erfordert.
Herausforderungen und Lösungsansätze
Die Herausforderungen, die der Kohleausstieg mit sich bringt, gehen über die bloße Erzeugung von Strom hinaus. Um die erforderlichen Kapazitäten bereitzustellen, sind etwa 20 bis 30 zusätzliche Kraftwerke notwendig, die mit Wasserstoff, synthetischem Erdgas und Biomethan betrieben werden können. Politisches Handeln ist dringend erforderlich, insbesondere da der Bau neuer Gaskraftwerke in der Regel sieben Jahre in Anspruch nimmt. Das bestehende Strommarktdesign wird als unzureichend erachtet, um den Anforderungen der Energiewende gerecht zu werden.
Ein technologieoffener Kapazitätsmarkt könnte den Wettbewerb unter flexiblen Stromerzeugern erhöhen. Eine zentrale Instanz sollte in der Lage sein, die erforderlichen Kapazitätsmengen zu ermitteln und in Ausschreibungen zu versteigern. Dies würde nicht nur die Versorgungssicherheit erhöhen, sondern auch die wirtschaftlichen Risiken für Investoren verringern. Reiche hat bereits mehrere Vorschläge unterbreitet, um die Energiepolitik grundlegend zu reformieren und die Investitionssicherheit zu erhöhen.
Die erfolgreiche Umsetzung dieser Maßnahmen wird entscheidend sein, um sowohl die Klimaziele zu erreichen als auch eine stabile und sichere Energieversorgung für die Zukunft sicherzustellen. Die Einführung eines zentralen Kapazitätsmarktes wird als ein wichtiger Schritt in diese Richtung angesehen. Die Entwicklung einer klaren Strategie im Bereich Wasserstoff ist unerlässlich, um die Wettbewerbsfähigkeit und Kosteneffizienz der Energiewende zu gewährleisten.
In diesem Kontext sind alle Beteiligten gefragt, um die notwendigen Investitionsanreize zu schaffen und die Voraussetzungen für die Energiewende zu schaffen. Nur so kann Deutschland seine ambitionierten Klimaziele und die Energieversorgungssicherheit für die kommenden Jahrzehnte erfolgreich umsetzen.