Im Falle einer Koronaverletzung: Nach Angaben der Polizei floh Embolo über das Dach - Gladbach-Trainerin Rose kündigt Rückkehr an

Deutschland im Winterschlaf – ein Bild der Stimmung

Hannover. Sie hat einen Tag frei; Sie hätte an einem warmen und trockenen Ort zu Hause bleiben können. Aber das ist für Miriam Tölle keine Option mehr, wenn sie diesen Sonntag mittag aus dem Fenster schaut. „Ich dachte nur: Scheiße.“

Von ihrem Wohnort in Gremmendorf bis zum Universitätsklinikum Münster in Nordrhein-Westfalen, wo sie als Arzthelferin in der Unfallchirurgie arbeitet, sind es neun Kilometer. Draußen tobt der Winter. Neun Kilometer. Automobil? Keine Chance. Nahverkehr? Abgesetzt.

Also zieht Miriam Tölle Thermo-Strumpfhosen an, zwei Hosen darüber, feste Schneeschuhe, einen Schal, eine Winterjacke, eine Mütze und Handschuhe und stapft davon. Durch den Schneesturm, die eiskalte und die wirbelnden Flocken. Arbeiten.

Zuerst die Sperre, jetzt die „Herde“

Der 24-Jährige läuft fast drei Stunden. „Der Schnee war teilweise 60 Zentimeter hoch“, sagt sie. „Sogar die Schneepflüge blieben hängen. Es war sehr ruhig. Auf halbem Weg bleibt sie bei einem Freund stehen, völlig gefroren. Für einen heißen Tee. Dann geht sie weiter. „Ich musste das tun“, sagt sie. „Ich fühlte mich dem Patienten einfach verpflichtet. Es geht um echte Menschen in meinem Job, man kann es nicht einfach bis morgen verschieben, wie im Büro. „“

Sie bleibt dann bis Dienstagnachmittag in der Klinik und schläft nachts auf einer Trage. Auch nach Monaten der Pandemie erschöpfte Kollegen kämpfen sich zu Fuß durch den Sturm. Ein Kollege läuft 16 Kilometer durch Schnee und Eis von Havixbeck nach Münster.

„Und das in einer bereits anstrengenden Zeit“, sagt Klinikleiter Christoph Hoppenheit. Der Zusammenhalt, dieses Ethos der Mitarbeiter, die so lange an ihre Grenzen gearbeitet haben, macht ihn „gleichzeitig dankbar und stolz“.

Schnee in Dresden: Passanten bei einem morgendlichen Spaziergang am Elbufer vor der Kulisse der Altstadt. @ Quelle: Sebastian Kahnert / dpa-Zentralbil

Zuerst die Sperre, jetzt die „Herde“. Als ob Corona nicht genug wäre. Ein Ausnahmezustand liegt über dem anderen, die Katastrophen überlappen sich. Die gefrorene Nation, die nach einem Jahr der Pandemie und zwei Monaten der Sperrung nach wochenlangen Impfungen und Flüchen zermürbt ist, schaut aus dem Fenster und denkt: Aha, jetzt auch das. Niedriger „Tristan“ und hoher „Gisela“ wirbeln Eisluft über Deutschland. Insbesondere im Norden und Osten erlebt ein Land, das normalerweise mit drei Millimetern Neuschnee zu zittern beginnt, einen Wintersturm, der seinen Namen verdient. Wann gab es jemals zwei Gründe für einen weit verbreiteten Schulabbruch gleichzeitig?

Reporter stellen sich in Schneeverwehungen an ihre Brust und berichten angemessen: „Es geht um mehr als ein paar Flocken.“ Bis zu 50 Zentimeter Neuschnee in einer Nacht. Minus 16 Grad am Brocken. Räumfahrzeuge liegen wie zappelnde Käfer im Graben. Chaos und Eisnächte auf den Autobahnen, Zugverkehr bricht zusammen, Dächer brechen zusammen. Fahrverbote für schwere Lkw. Die Situation ist „katastrophal“, berichten Polizei und Feuerwehr, während Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) über den „trostlosen Tristan“ flüstert, als ob es nicht auch um menschliche Bedürfnisse ginge, als ob die Wirtschaft nicht unter Lücken in der EU leide Lieferketten, als müssten sich die Paketdienstleister nicht durch hohe Verwehungen kämpfen. Das kriegerische Wort „Blutschnee“ macht die Runde, aber „Blutschnee“ ist nur Schnee, dessen feiner Sand aus Wüstenregionen rötlich wird. Aber „Blutschnee“ – das klingt so arktisch-apokalyptisch.

Zurück zur sicheren Höhle

Der Boulevard schreibt über den „krassen Ostfrost“ und den „bösen Riesen“ wie eine böse Märchenfigur, die Menschen in ihre Höhlen treibt. „Der Flughafen Dortmund stellt den Flugbetrieb vorübergehend ein“, berichten die Zeitungen. Und Sie fragen sich: Flugbetrieb? Welcher Flugbetrieb? War vorher nichts los? In Niedersachsen stoppt der Schnee die Impfstoffabgabe. Ein Naturereignis behindert den Kampf gegen das andere. In Köln-Mülheim brennt ein Supermarkt und in Nürnberg ein Kraftwerk. Pandemie, Schnee, Feuer – noch etwas, Schicksal?

Es sind zwei winzige Unruhestifter, die unsere Welt aufrütteln: Flocken und Viren. Beide ähneln in ihrer mikroskopischen Struktur ihrer Schönheit, geometrischen Schmuckstücken von feinster Eleganz, die nur in der Menge zerstörerische Kräfte entwickeln. Und was 16 Landesführer, ein Kanzler und Dutzende von Virologen nicht vollständig geschafft haben, macht der Schnee jetzt: Wir bleiben zu Hause. Winterquarantäne. Der weiße Wahnsinn ist die perfekte Kulisse für einen Lockdown. Als ob es einen Gips auf der Welt gäbe. Und alle reden wieder über das Klima, wie 2019.

Aber Klimawandel und feuchte Kälte – wie passen sie zusammen? Hast du nicht gesagt, dass die Welt wilder, wärmer und verrückter wird? Meteorologen erklären es so: Erstens sind Kurzzeitwetter und Langzeitklima zwei sehr unterschiedliche Naturphänomene. Und zweitens kann der Klimawandel auch Winterstürme begünstigen. Dann wird aufgrund der globalen Erwärmung mehr Wasser aus den Ozeanen verdampft und gebunden. Und wenn der polare Frontstrahl instabiler wird und wie ein schlaffer Ballon herumflattert, weil sich der Nordpol schneller erwärmt als die Tropen. Das Ergebnis: Eiskalte und tropische warme Luftmassen kollidieren häufiger. Es stürmt im Winter. Wie jetzt.

Das ist die bedrohliche Seite des Kälteeinbruchs. Aber der Schrecken und die Schönheit des Winters sind Geschwister. Denn auch die Schneeflocken, die Mimosen des Winters, wirken friedlich. Schnee ist immer eine poetische Metapher für Verpuppung und Neuerfindung. „Wie Samen, die unter der Schneedecke träumen, träumen Ihre Herzen vom Frühling“, schrieb der libanesische Philosoph und Dichter Khalil Gibran. Und was bleibt in der Corona-Frustration außer Ausdauer und Träumen? Wenn mehr Menschen wegen der Kälte auf Treffen verzichten und zu Hause bleiben, könnte das Wetter auch im Kampf gegen Corona von Vorteil sein, sagt der Würzburger Virologe Lars Dölken.

Schnee als Schalldämpfer für die laute Welt

„Eine Gesellschaft, die wie hier in Leipzig langsam schneit, hat etwas für sich“, schrieb die Schriftstellerin Jana Hensel auf Twitter. „Wir haben hier jetzt eine echte Sperre. Deshalb haben wir den anderen fast vergessen. Die Menschen in Jena, Halle und anderswo gehen auf den Straßen Langlauf.

Schnee wirkt wie ein Schalldämpfer aus gefrorenem Wasser für die laute Welt. Ein Lichtmantel für alles Hässliche, weiß und rein wie leeres Papier. Viele Billionen Wassermoleküle werden um winzige Staubkörner gefangen, um bizarre Eiskristalle, Nadeln, Blutplättchen oder Schneesterne zu bilden, und schweben als Flocken mit einer Geschwindigkeit von etwa vier Stundenkilometern zur Erde, etwa vier Milligramm Licht, so leise wie menschlicher Atem: zehn Dezibel. Das Ticken einer Armbanduhr ist doppelt so laut wie fallender Schnee. Auf dem Boden verschluckt der frische Pulverschnee dann die Schallwellen. Du kannst den Weg aus dem Kristalllabyrinth nicht finden. Und über der Lockdown-Stille herrscht eine beruhigende Geräuschlosigkeit.

Der subjektive Eindruck ist weit verbreitet, dass die Winter der Nachkriegszeit immer großartige Buddenbrook-Idyllen voller Schneeballschlachten und eleganter Schlittenfahrten waren. Die Statistiken sagen etwas anderes. Aber das menschliche Gedächtnis kümmert sich nicht um Fakten. Sie mischt magische Bilder von Märchenklassikern mit echten Erinnerungen, Geschichten, Träumen. Das Gehirn ist ein mächtiger Manipulator der Realität.

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Starkes Winterwetter: eiskalt ist noch nicht vorbei

Straßen, Schienen und Flüsse: Die Auswirkungen des extremen Winterwetters dominieren weiterhin weite Teile Deutschlands. © dpa

Moderner Winterkult

Und doch ist es wahr, dass Schneemassen wieder häufig waren – aber lange vor der Kindheit der heutigen Generation der Großeltern: während der kleinen Eiszeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Die Melancholie der Romantik schuf den modernen Winterkult. Im 19. Jahrhundert schickten Auswanderer ihre ersten Grüße aus den Rocky Mountains, frühe Touristen erkundeten die Alpen, Caspar David Friedrich malte platzende Eisschollen und weiße Baumskelette. Die europäische Folklore ist immer noch vom Ideal des Schneewinter geprägt.

Je älter die Menschen sind, desto mehr Schnee fühlte es sich früher an. Dies ist einer der Gründe, warum der Defa-Filmklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenputtel“ eine so stabile Fangemeinde hat – es gibt kaum einen „winterlicheren“ Film. Auch wenn der Filmschnee tatsächlich aus erbärmlichem stinkendem Fischmehl bestand, das per LKW zu den Drehorten gebracht wurde.

Licht und Komfort für die Seele

Rückblickend verschmelzen einzelne Wintermomente zu einem einzigen Traum in Weiß. Weil die Sehnsucht nach Klarheit tief in der menschlichen Seele verankert ist. Auf jeden Fall Sommer. Auf jeden Fall Winter. Dies macht auch die Koronapandemie so anstrengend: ihre Mehrdeutigkeit. Zwischenzustände sind Gift für den Geist. Es ist grau im Niemandsland des Nebels.

Das reine Weiß, das Miriam Tölle nicht davon abgehalten hat, zur Arbeit zu gehen, kann kurzfristig eindeutig eine beruhigende, stärkende und erfrischende Wirkung haben. Schneeflocken sind jedoch nur weiß, da die transparenten Kristalle sowie Salz oder Zucker alle sichtbaren Wellenlängen des Lichts reflektieren und streuen. Weiß ist die Summe aller Farben des Regenbogens. Aus physikalischer Sicht repräsentiert eine weiße Flocke nicht nichts, sondern alles.

Deutschland erlebt gleichzeitig zwei besondere Situationen. „In Ausnahmesituationen kommen wir unserem Innersten viel näher, unabhängig davon, ob es sich um ein Spiel oder um ein ernstes handelt“, schrieb der Schweizer Dichter Robert Lerch einmal. Einige verlieren die Nerven. Die anderen, wie Miriam Tölle aus Münster, ziehen ihre Schneeschuhe an und stapfen durch den Sturm zu ihren Patienten. „Es nützt nichts“, sagt sie am Telefon. Dann muss sie gehen. Ins Bett.

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